Aus der Zerstörung zum Leben

Eine junge Mutter ist am Ende ihrer Kräfte. Nichts in ihrem Leben scheint ihr Freude zu bringen, nichts scheint sie am Leben zu halten. Der Alltag ist geprägt von Selbstmordversuchen, blutigen Rasierklingen und Ausbrüchen der Zerstörung. Ihr letzter Versuch aus dem Leben zu scheiden, legt den Grundstein ihrer neuen Persönlichkeit.            – Von Sahra-Latifa A. Warrelmann

Alles ist ruhig, nur durch den Fernseher wird der Raum beleuchtet. Dennoch ist das Chaos durch das schwache Licht erkennbar. Auf dem Boden liegen Kleidungsstücke, manche sind zerschnitten, manche zerrissen. CD-Hüllen sind überall verteilt und Papier bedeckt den Boden. Die Luft riecht nach kaltem, abgestandenem Rauch und Schweiß. Die Fenster sind geschlossen und die Rollläden heruntergelassen, sodass kein Licht von außen das Wohnzimmer erhellt. Ein schriller Schrei unterbricht die Stille. Im Film, der nur nebenbei läuft wird gerade ein Mann umgebracht, der schon seit Stunden von seinem Angreifer verfolgt wird. Ein passender Film, zu der Szene, die sich in der Realität abspielt. Unberührt von dem Schrei sitzt eine Frau zusammengekauert in der Ecke und sticht mit einem Messer auf Bilder in einem Bilderrahmen und Kuscheltiere ein. Ihre Haare sind zerzaust, das Gesicht und die Hände voller Blut. Aus ihrer Nase läuft Sekret und ihre Augen sind durch Tränen feucht. „Alles muss weg! Alles muss raus! Ich brauche gar nichts! Ich bin gar nichts! Was weiß der schon, was wissen die schon?! Wozu soll ich all den Scheiß hier brauchen. Wozu soll ich all die Erinnerungen brauchen?! Ich will sowieso nicht mehr, verdammt ich kann doch nicht mehr!“, sagt sie leise schon beinahe im Mantra vor sich hin. Um so öfter sie die Sätze wiederholt, desto  energischer sticht sie auf alles ein, was sie um sich herum finden kann. Wieder hallt ein Schrei durch den Raum, dieses Mal stammt der Schrei nicht aus dem Fernseher, sondern von der jungen Frau in der Ecke. Während sie sich mit beiden Händen an den Haaren zieht, den Kopf zu Boden senkt und ihren Mund weit aufreißt, versucht sie immer wieder Schreie loszuwerden, doch sie verstummen schon in ihrer Kehle. „Ich kann nicht mehr, bitte erlöse mich! Bitte ich kann nicht mehr!“, murmelt sie, während sie immer noch fest an ihren Haaren zieht. Vollkommen verzweifelt und erschöpft sinkt sie in das vor ihr liegende Chaos. In Embryonalstellung liegt sie auf Glassplittern, zerrissenen Bildern, geköpften Teddybären, zerschnittenen Kleidungsstücken und schaut dabei auf ihre Unterarme, die sie mit einer Rasierklinge wenige Minuten zuvor aufgeschnitten hat. Noch immer fließt das Blut langsam aus ihren Adern. Auch wenn sie weiß, dass die Schnitte sie nicht töten, beruhigt es sie ihr Blut zu sehen, denn es ist ihr Blut: ein Ausdruck des Hasses, Hass der sich gegen sie selbst richtet und im ganzen Raum spürbar ist. 
Jeder der diesen Raum betritt, kann sofort die Essenz der Verwesung, des Leids und des Hasses wahrnehmen. Die Frau, die in dem Wohnzimmer liegt, das auch aus einem Horrorfilm entspringen könnte versucht mit aller Gewalt sich selbst und ihre Vergangenheit auszulöschen. Sie möchte nichts mehr von sich übrig wissen, nichts von ihr in Erinnerung behalten und sich selbst in einem Albtraum verwandeln, der in irgendeinem Kopf hin und wieder herumspukt. Nichts darf von ihr übrig bleiben, nicht einmal sie selbst, auch wenn sie dazu noch nicht den Mut hat. Den Mut, die Klinge so tief zu ziehen, dass so viel Blut aus ihren Adern strömt, dass sie einfach nur noch für immer schlafen kann. Auch wenn es nichts gibt, wonach sie sich in diesem Moment mehr sehnen würde. Wobei, vielleicht doch. Denn tief in ihr steckt ein Wunsch, ein Wunsch, von dem sie glaubt, dass sich, wenn er in Erfüllung geht alles ändern wird und sie endlich glücklich wird. Doch sie glaubt nicht daran, dass er wahr werden könnte. Sie glaubt nicht daran, dass tatsächlich jemand durch die Tür treten würde, der sie in den Arm nimmt und ihr sagt: „Du bist gut so wie du bist! Ich verstehe deinen Schmerz, ich verstehe dein Leid! Steh auf und wir schaffen es gemeinsam.“ Sie hat schon lange aufgegeben, schon lange den Glauben an die Wand genagelt und darüber eine Decke gehängt.
Seit beinahe 10 Jahren findet sie sich fast täglich am Ende ihrer Kräfte wieder. Es vergeht kaum eine Woche in der sich nicht versucht, sich auf irgendeine Weise das Leben zu nehmen. Drei Jahre zuvor hatte sie die wohl heftigste Selbstmord-Versuch-Phase hinter sich und eigentlich hatte sie sich danach geschworen, nie wieder so mit sich umzugehen.
Es war in Berlin und es war Sommer. Ein grauenhafter Sommer, indem sie die einzige Entscheidung fällte, die sie noch heute bitter bereut. Nach einer kuriosen Beziehung, die so schnell ihr Ende gefunden hatte, wie sie auch begonnen hatte, traf sie einen verheerenden Entschluss: ihr Sohn sollte in eine Inobhutnahme. Sie hatte sich natürlich lange darüber Gedanken gemacht und eigentlich wollte sie ihn nur für ein Wochenende abgeben, da sie mit ihren Nerven durch all die Strapazen fertig war und einfach mal etwas Ruhe brauchte, um durchzuatmen. Sie hatte keine Verwandten oder Freunde in Berlin, weil sie gerade erst in die große Hauptstadt gezogen war, also sollte eine vorübergehende Inobhutnahme ihres Sohnes, ihr wieder Kraft schenken. „Einfach mal durchatmen, einfach mal auf andere Gedanken kommen und den Kleinen nicht mit meinen Tränen und meiner Leere konfrontieren. Klar habe ich mich um ihn gekümmert und auch alles für ihn stehen und liegen gelassen, es hat ihm an nichts gemangelt, aber ich war fertig. Einfach nur fertig und wollte nicht, dass er unter meiner Depression leidet. Ich wollte nicht, dass er mich weinen sieht, dass er sich um mich sorgt. Also habe ich ihn in die Wohngruppe gebracht.“, erzählt sie unter Tränen. Auch wenn es nur eine vorübergehende Unterbringung sein sollte, wusste sie schon bereits auf dem Weg, dass sie ihren Sohn so schnell nicht wieder sehen würde. „Er schrie, er weinte und er sah mich an mit einem Blick, den ich noch heute zu verdrängen versuche, weil er mir mein Herz aufreißt und mir Tränen in die Augen schießen lässt. Er konnte nicht verstehen was passiert und wollte nur bei mir bleiben. Ich aber ging.“, sagt sie mit gebrochener Stimme. Auf dem Nachhauseweg kam sie an einem Geschäft vorbei und kaufte sich für 100 Euro Alkohol und Rasierklingen. Das ganze Wochenende betrank sie sich und versuchte, sich das Leben zu nehmen, doch sie konnte nicht, weil sie wusste, dass sie sich am Montag wieder um ihren Sohn kümmern sollte. Doch dieser sollte nicht mit so einer Mutter zusammenleben, einer Mutter die in ihren Augen auf allen Ebenen versagt hatte. Also rief sie das Jugendamt an und sagte, dass sie nicht kommen könne und ihr Sohn dort bleiben müsse. Mit Absicht versäumte sie alle Termine, die in den kommenden Tagen vereinbart wurden, damit sie als unzuverlässig galt und eine Rückführung ausgeschlossen wurde. Denn auch wenn sie ihren Sohn über alles liebte, hasste sie sich noch mehr und dieser Hass, war Gift für ihren Sohn. Kein Kind der Welt, sollte erleben wie seine Mutter leidet. Kein Kind der Welt sollte die Depressionen einer Mutter miterleben müssen, davon war sie überzeugt. Sie glaubte nicht daran, dass sie von der psychischen Krankheit geheilt werden würde, sie glaubte nicht daran, dass sie irgendwann doch noch die Kurve bekommen sollte, so wie sie es mit der Geburt ihres Sohnes geschafft hatte.
Als sie mit 15 Jahren schwanger geworden war, hatte sie alle schlechten Angewohnheiten beiseite gelegt, wieder die Schulbank gedrückt und diese als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Nach der mittleren Reife hatte sie das Gymnasium besucht und das alles als alleinerziehende junge Mutter. Von diesem Ehrgeiz war in Berlin allerdings nichts mehr zu spüren oder zumindest nicht mehr in einer positiven Form. Aus einem Wochenende ohne Sohn, wurden zwei Wochen. Nun stand für sie fest, dass es kein zurück mehr gab. Sie hatte sich für den Weg entschieden, also wollte sie ihn auch gehen. Den Weg der Selbstzerstörung. Innerhalb von drei Monaten tat sie Dinge, die sie eigentlich hätten töten sollen, doch sie starb nicht. All ihr Geld investierte sie in Schlaftabletten, Alkohol, Drogen (diese konsumierte sie dort zum ersten Mal), Rattengift, Waschpulver, Rohreiniger und Spritzen. Jeden Tag zog sie sich alles rein, was sie nur fand und war nichts zur Hand spritzte sie sich Waschpulver und Alkohol. Die Venen wären dabei jedes Mal beinahe geplatzt. Es brannte als würde sie gerade Feuer verschlucken, doch der Schmerz war nichts gegen den Schmerz, den sie in sich spürte. Dennoch wachte sie nach Tagen, Stunden oder Minuten der Ohnmacht wieder auf. Sie zog sich Plastiktüten über den Kopf, sprang von Brücken und wurde immer wieder in die psychiatrische Notaufnahme gebracht. Dort konnte sie aber meist nach einem kurzen Gespräch wieder gehen, weil sie den Psychologen vormachte, sie hätte ja Ziele, sie wolle ihren Sohn bald wieder zu sich holen und hätte sich nur von einer Brücke gestürzt, die Medikamente genommen oder was auch immer getan, weil ihre Emotionen übergelaufen waren. Ihr wurde geglaubt, aber vielleicht hatte man sich auch nicht dafür interessiert. Also wurde sie mit einer Empfehlung, zu einem Ambulanten Psychologen zu gehen, wieder nach Hause geschickt. In das Zuhause, dass sie schon vollgekotzt hatte, die Raten nicht mehr zahlen konnte und Männer ein und aus gingen, welche sie für Sex bezahlten, weil sie das Geld versoffen hatte und die Erniedrigung am ganzen Leib spüren wollte. Sie hoffte, dass irgendwann einer dabei sein würde, der in Wirklichkeit ein Serienkiller war oder den sie solange Provozieren konnte, bis er sie tot prügelte. Aber das war nie der Fall. Ganze drei Monate dauerte die Phase der Selbstzerstörung an, ganze drei Monate in welchen sie 30 Tage lang nichts aß, 7 Tage lang keinen Schluck trank und dazu noch jeden Tag Löffel mit Salz schluckte, was sich anfühlte, als würde ihr Hals aus Schmirgelpapier mit Glassplittern bestehen. Schrecklich. Jeder Schluck, war eine Qual. Selbst als sie es nicht mehr aushielt und an den Wasserhahn an der Badewanne kroch, weil sie kaum noch Kraft hatte zu laufen, konnte sie die Tropfen nur einzeln und dosiert durch ihre Kehle herunterlaufen lassen, da es sich anfühlte, als würde sie Metall mit einer scharfen Kante schlucken. Nach den drei Monaten waren ihre Arme übersät mit Narben, ihre Beine zwei mal gebrochen und ihr Gewicht auf 43 KG reduziert. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und sie hätte ihr Ziel erreicht. Doch es sollte nicht so sein. Nachdem sie zum X-ten Mal einen Sturz über 30 Meter, manchmal auch mehr je nach Brücke, überlebt hatte, obwohl sie sich fallen ließ, gab sie auf. „Es sollte nicht sein. Egal was ich tat und ich tat wirklich alles, nichts funktionierte. Ich lebte weiter. Unter Schmerzen, aber ich war am Leben. Also rief ich meine Mutter an, erzählte ihr, die Situation und bat sie meinen Sohn zu sich zu holen. Gott sei dank, tat sie das auch. Es vergingen noch ein paar Wochen, bis mein Sohn und ich wieder in Baden-Württemberg lebten, doch seither ist nichts mehr wie es vorher einmal gewesen war. Ich bin zwar nicht in Berlin gestorben, also mein physischer Körper, aber einen Teil von mir, einen sehr wichtigen Teil von mir, habe ich dort begraben.“, erzählt sie während sie dabei ins Leere starrt.
Noch immer ist der Fernseher, das einzige was den Raum beleuchtet, doch die Frau mit dem zerzausten Haar ist mittlerweile in die aufrechte Position gewechselt. Sie schaut in den Spiegel, der an der Wand hängt und betrachtet sich wie eine fremde Person. Das Blut an ihrem Unterarm ist schon getrocknet. „Nein, so möchte ich nicht mehr leben! So möchte ich nicht mehr sein! Ich hatte mir geschworen, mir nie wieder auf diese Weise zu schaden!“, sagt sie zu sich selbst. Sie öffnet die Fenster. Kalte Nachtluft durchströmt den Raum, sodass sie das erste Mal seit Stunden wieder das Gefühl hat lebendig zu sein. Noch geschwächt räumt sie das ganze Chaos zusammen, öffnet die Wohnzimmertür und läuft in die Küche um eine Mülltüte zu holen. Mit der Mülltüte in der Hand geht sie zurück ins Wohnzimmer und wird beim eintreten von ihrem eigenen Geruch der Verwesung eingehüllt. Sie verzieht ihr Gesicht und hält sich vor Ekel die Hand vor die Nase. Es dauert ein paar Stunden, bis von dem Chaos nichts mehr zu sehen ist und sie in die Badewanne steigen kann um auch sich selbst rein zu waschen. Frisch gebadet und in bequemer Kleidung setzt sie sich in das Wohnzimmer, das noch immer leicht nach kaltem Rauch riecht aber schon einladender wirkt. Aus der Kommode holt sie sich einen Block und einen Stift. Den Fernseher schaltet sie aus und dafür ihr Handy ein, um ihre Lieblingsmusik laufen zu lassen. Auf einem leeren Blatt notiert sie sich ihre Ziele, Wünsche und Träume und schreibt in fetten und großen Buchstaben: „Es kann nicht mehr so weiter gehen! Ich brauche Hilfe!“
Dies war der Tag an dem ich für mich erkannte, dass ich nur dann glücklich werde, wenn ich beginne mich selbst zu lieben. Wenn ich anfange, mir selbst meine beste Freundin zu werden und endlich mir selbst verzeihe. Dieser Tag ist nun über drei Jahre her.Alle 11 Monate regenerieren sich die Körperzellen, bis auf Zähne und bestimmte Knochenteile. Das Ich, welches Zerstörung und Auslöschung lebte, ist heute nicht mehr existent. Alles was noch von der Frau von vor drei, zwei oder einem Jahr übrig ist, zeichnet sich auf meinem Unterarm ab oder ist noch in meinen Träumen real, der Rest hat sich zu dem geformt was ich heute bin. Sahra-Latifa Anita Warrelmann, die positive Lebensfrau, die sich selbst liebt und für ihren Sohn endlich die Mutter sein kann, die er schon immer verdient hat.

 

 

Artikel aus dem Magazin „THECRAZYLIFE“ mehr auf: www.thecrazylife.de

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