In der Rolle einer Mutter – Interview mit Maren Albers (Name geändert)

In vielen Frauen wächst irgendwann einmal der Wunsch heran, Mutter zu werden. Dabei stellen sie sich vor wie es ist, ihr kleines Baby zu füttern, es durch die ersten Entwicklungsjahre zu begleiten und immer wieder ein Lächeln ihres Kindes für ihren Einsatz zu ernten. Sie malen sich aus wie es ist, mit ihrem Fleisch und Blut zu spielen und ihm schöne Kleider anzuziehen. Eine Vorstellung, die der eines Kindes gleicht, wenn es gemeinsam mit seinen Kindergartenfreunden in der Puppenecke Mutter-Vater-Kind spielt, denn die Realität sieht meist doch ganz anders aus. Mutter sein ist schon während der Schwangerschaft eine Herausforderung und nach der Geburt ein Kraftakt. Was es bedeutet Mutter zu sein, erzählt Maren Albers (Name geändert) (44) aus Schwäbisch Hall. Sie ist vierfache Mutter und bereits Oma eines zehn jährigen Enkels, den sie seit einigen Jahren auch mit erzieht.

Ich treffe Maren in einem gemütlichen Café am Ende der Stadt. Es ist Dienstag und Fasching. Die Bedienung begrüßt uns freundlich in einem Clownskostüm.

CrazyLife: Hallo Maren, schön, dass du trotz deines turbulenten Alltags Zeit für das Interview findest. Mit 18 Jahren wurdest du das erste Mal Mutter und mit 34 Jahren das erste Mal Oma. Wie war es für dich erstmalig in die Rolle der Mutter zu schlüpfen und das relativ jung?

Maren Albers: Ich habe mich bereits in der Schwangerschaft auf meine Mutterschaft vorbereitet. Dazu habe ich mir viele Gedanken gemacht, mir vorgestellt, wie mein zukünftiges Leben als Mutter sein könnte. Allerdings war die Rolle der Mutter keine wirkliche Umstellung, da ich schon immer ein sehr fürsorglicher Mensch gewesen bin. Eine Umstellung wurde die Mutterrolle erst mit dem zweiten Kind. Auch wenn ich wusste, was auf mich zukommt, war es eine Herausforderung, zwei Kindern die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Jedes für sich ist anders und hat andere Bedürfnisse, das war schon schwierig. Vor allem, weil das erste Kind zunächst mit Ablehnung und Eifersucht auf den Familienzuwachs reagiert hatte.

CrazyLife: Das ist sicherlich ein Spagat, den man täglich leistet und unterschiedliche Aufgaben, die man täglich meistern muss. So schlüpfst du in die Rolle der Streitschlichterin, der Entertainerin und in viele mehr. Respekt, dass du all das in deinem jungen Alter gemeistert hast.
Was hat sich für dich als Mutter verändert? Trat etwas unvorhersehbares ein, etwas mit dem du so gar nicht als Mutter gerechnet hättest?

Maren Albers (lächelt): Mein Schlafverhalten hat sich geändert, so dass ich wegen jeder Kleinigkeit wach werde. Vor der Geburt meiner ältesten Tochter hatte ich sorge, dass ich sie nachts nicht hören würde, da ich eine Tiefschläferin war. Es gab nichts, was mich wecken konnte, wenn ich es nicht wollte. Diese Bedenken haben sich aber schnell erübrigt. Meine Tochter erblickte das Licht der Welt und mein Tiefschlaf verabschiedete sich. Außerdem habe ich das Leben als „Nicht-Mutter“ weniger ernst gesehen, als ich es heute empfinde. Bzw. früher habe ich die Dinge mit einer Leichtigkeit betrachtet. Alles kommt und geht, wenn ich etwas heute nicht schaffe, kann ich es morgen noch immer erledigen. Seit meiner Mutterschaft ist das ein wenig verändert. Natürlich sehe ich vieles immer noch leichter, gehe meine Aufgaben allerdings gewissenhafter an, aber das kann auch mehr mit dem menschlichen Reifeprozess zusammenhängen, als mit der Mutterrolle. Ansonsten konnte ich mit der Mutterrolle die Worte und Erziehungsmethoden meiner eigenen Mutter nachvollziehen. Als Kind konnte ich nicht verstehen, warum es wichtig ist regelmäßige Schlafenszeiten einzuhalten oder warum ich jetzt nicht noch das x-te Stück Kuchen verputzen sollte, heute als Mutter allerdings, kann ich es nachvollziehen. Kinder testen immer wieder Grenzen aus und zeigen einem auch die eigenen Grenzen, das ist richtig und wichtig. Dennoch gehören konsequentes Handeln und auch mal einen Punkt setzen, zur Erziehung dazu, das habe ich erst als Mutter realisiert.

CrazyLife: Ja, manchmal darf man erst in den Schuhen eines anderen Laufen, um zu verstehen, was es bedeutet seine Schritte zu gehen. Wie ist es bei dir, verhältst du dich in deiner Mutterrolle anders, als in deiner Rolle als Maren?

Maren Albers (schüttelt den Kopf): Nein, ich bin als Mutter dieselbe wie auch als Maren, meine Charaktereigenschaften sind dieselben. Das liegt vielleicht daran, dass ich schon früh Verantwortung für meine jüngeren Geschwister übernommen habe, die fünf und zehn Jahre jünger als ich sind. Ich wurde auch früh mit in die Alltagsaufgaben mit einbezogen und habe mich um den Haushalt gekümmert, weshalb ich es gewohnt war für andere da zu sein.

CrazyLife: Wie sieht es mit deiner Persönlichkeit aus, hast du das Gefühl als Mutter einen Teil deiner Persönlichkeit zu verlieren oder sie sogar zu erweitern?

Maren Albers: Sowohl als auch. Obwohl ich sagen würde, dass sich die Prioritäten verschieben. Zum Beispiel war ich, bevor ich Mutter wurde gerne künstlerisch tätig. Ich beschäftigte mich viel mit Zeichnen und Malen, wie auch mit dem Modedesign. Außerdem singe ich leidenschaftlich gerne und hätte mir auch eine professionelle Ausbildung in diesem Bereich gewünscht. Durch die frühe Schwangerschaft hieß es allerdings umdenken und mich an die neuen Umstände anpassen. Jede, die Mutter geworden ist kann, glaube ich, verstehen, dass man die ersten Monate fast ausschließlich mit der Versorgung seines Kindes beschäftigt ist. Kommt dann eines, zwei oder wie in meinem Fall drei dazu und das in kurzen Abständen, ist es kaum noch möglich seinen Talenten oder Fähigkeiten nachzugehen. Zumindest nicht mehr auf die Art und Weise, wie man sie vorher ausgelebt hatte. Also ja, ein Teil meiner Persönlichkeit oder das was mich früher ausgemacht hat, hat sich geändert. Es hat sich aber vielmehr verändert. Kreativ bin ich noch heute nur auf eine andere Art und Weise. So habe ich mich bei den Kindergeburtstagen ausgetobt, bei der Freizeitgestaltung und der Bewältigung des Alltags mit vier Kindern. So wurde aus der Kreativität und Kunst, die sich auf dem Papier ausdrückte, eine Kunst die sich in meinem Leben manifestierte und mich zur Überlebenskünstlerin formte. Ich habe durch meine Kinder meine Persönlichkeit entwickeln können, zwar nicht so wie ich es mir selbst als Kind ausgemalt habe, doch so wie es richtig ist. Wenn ich mein Leben so ansehe, dann gleicht es einer Autobahn, einer Lebensautobahn. Mit unzähligen Abzweigungen, Ausfahrten, die ich irgendwie alle genommen habe, aber dennoch bin ich immer wieder auf meiner Lebensspur gelandet.

CrazyLife: Das ist eine schöne Art seine persönliche Entwicklung zu betrachten. Nun hast du dich lange um die Erziehung deiner Kinder gekümmert und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt, bis zum Jahr 2009. In diesem Jahr hast du begonnen deinen Wünschen nachzugehen und hast im Alter von 35 Jahren noch einmal die Schulbank gedrückt und eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin begonnen. Wie war es für dich dieses Kapitel zu beginnen? Wie konntest du diese neue Herausforderung meistern? Schließlich waren deine Kinder selbst in der Pubertät und deine älteste Tochter ist mit 15 selbst zur Mutter geworden.

Maren Albers: Es war ganz und gar nicht einfach. Meine älteste Tochter, die in der Pubertät sehr schwierig war, hat glücklicherweise in einer Mutter-Kind-Einrichtung gelebt, weshalb ich mich um sie und meinen Enkel weniger sorgen musste, auch wenn man das als Mutter immer tut. Meine drei anderen Kinder befanden sich mitten in der Pubertät und brachten typische Probleme mit, die Kinder in der Pubertät mitbringen. Türen knallen, wenn man wütend ist, sich über zu wenige Klamotten in Kleiderschrank beschweren, die Musik bis nachts aufdrehen, weil man eben gerade in der Stimmung ist und so weiter, man weiß bei pubertären Kindern nie was in der nächsten Stunde passiert. Zum Glück waren derartige „Ausbrüche“ bei den Dreien, die zu Hause lebten im Rahmen. Die meiste Zeit haben sie sich an die Regeln des Haushalts gehalten und sind respektvoll miteinander umgegangen. Sie haben mich auch immer wieder unterstützt. In der Schule war es eine Umstellung für mich wieder lange zu sitzen und mich dabei mehrere Stunden auf den Unterricht zu konzentrieren, schließlich war ich es nun mehr als 16 Jahre gewohnt ständig in Bewegung zu sein und auf die Ereignisse zu reagieren. Mein Leben war turbulent und abwechslungsreich, da waren ruhige Stunden sitzend, eher die Ausnahme. Auch an die Zusammenstellung der Klasse musste ich mich erst gewöhnen, da der Großteil im Alter meiner Kinder war. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler hatten ganz andere Prioritäten, als ich sie hatte und legten einen anderen Fokus auf den Unterricht. Von den Meisten wurde der Ausbildungsgang nur deshalb gewählt, damit sie eine Ausbildung in der Tasche haben, was sie genau wollten oder wohin es sie in ihrem Leben führt, war einigen nicht klar. Aber wie soll man das auch in dem Alter wissen. Es war interessant zu sehen wie sich das Alter und die Lebenserfahrung auf eine Person auswirken. Dennoch war die Ausbildung kein Zuckerschlecken für mich, was man in meinem Alter meinen könnte. Ich war lange aus dem Schulalltag draußen, musste mich neu ans lernen, an Klausuren gewöhnen und die ein oder anderen alten Fertigkeiten auffrischen.

CrazyLife: Bewundernswert. Zwei Jahre nachdem du deine Ausbildung begonnen hattest und dich an die Rolle der Auszubildenden gewöhnen konntest trat eine weitere ungeplante Herausforderung in dein Leben. Du hast deinen drei jährigen Enkelsohn zu dir aufgenommen, nachdem er von seiner Mutter, deiner Tochter nicht mehr versorgt werden konnte. Er lebt bis heute bei dir. Mittlerweile ist er schon beinahe zehn Jahre alt, du hast deine Ausbildung mit sehr guten Noten beendet und deine Kinder sind schon junge Erwachsene im Studium und in der Ausbildung. Nun übst du als Oma die Rolle der Mutter aus, wie geht es dir damit?

Maren Albers: Die Anfangszeit war sehr schwierig, vor allem, weil mein Ekelsohn unter der Trennung von seiner Mutter und den neuen Umständen litt. Es dauerte Monate ihn an sein neues Leben zu gewöhnen und es ist, ehrlich gesagt, heute noch ein Kraftakt. Am Anfang hatte ich mir sogar überlegt meine Ausbildung zu beenden und mich nur auf den Kleinen zu konzentrieren, denn er tat mir leid und brauchte einfach volle Aufmerksamkeit. Natürlich machte mich das traurig und ich war auch enttäuscht, schließlich habe ich so lange für die Ausbildung gekämpft, die ich für mich tat, um nicht nur als Hilfskraft durchs Leben zu gehen. Zum Glück unterstützten mich mein Mann und meine anderen drei Kinder, die zu dieser Zeit alle im Haushalt lebten. Jeder von ihnen steckte zurück, packte mit an und trug zu einem fast reibungslosen Alltag mit bei, sonst wäre die Situation wohl nicht möglich gewesen. So hatte ich die Möglichkeit meine Ausbildung erfolgreich zu beenden. Auch als es danach um die Anstellung ging, hatte ich das Glück im ambulanten Bereich einer Einrichtung beginnen zu können, wodurch ich meine Arbeitszeiten relativ flexibel gestalten konnte und somit meine Arbeit auf die neuen Umstände anpassen konnte. Das ist für sich schon eine Herausforderung, doch für mich persönlich liegt die Schwierigkeit im sozialen Alltag. Bei der Erziehung meiner Kinder, war ich alleine für sie verantwortlich. Die Verantwortung für alle Angelegenheiten, die meine Kinder betrafen, lag bei mir. Die Entscheidung was sie tragen, welche Nahrung sie zu sich nehmen, wann sie zu Bett gehen, wie ich bei Krankheit auf sie zugehe, doch bei meinem Enkelsohn gibt es ja noch Mama und Papa. Beide sind im Alltagsgeschehen nicht beteiligt, doch sie sind die Eltern und sehen die ein oder anderen Dinge anders als ich. Das heißt für mich, in fast jeder Situation abzuwägen, was die Eltern wohl dazu sagen würden. Natürlich entscheide ich heute freier und mehr aus meinem Bauch heraus, als noch am Anfang. Letztendlich trage ich die Kämpfe bei Diskussionen aus, tröste ihn, wenn er geärgert wurde, lerne mit ihm auf Tests und Arbeiten und kümmere mich bei Krankheit um ihn. Dennoch sind seine Eltern immer präsent. Hat er warme Kleider an? Passt er auf, wenn er irgendwo hinaufklettert? Trägt er seinen Helm? Hoffentlich passiert dem Jungen nichts wenn er… tut, denke ich mir täglich. Mehr, als ich es bei meinen eigenen Kindern tat. Bei ihnen hatte ich die Haltung: Geht raus und lebt! Ihr müsst Fehler machen merken, dass die Kochplatte heiß ist, um aus euren eigenen Erfahrungen lernen zu können. Bei meinem Enkel hingegen fällt es mir schwer diese Leichtigkeit zuzulassen. Schließlich kommen die Eltern dann auf mich zu, wenn er sich bei einem Sturz verletzt oder in der Schule nicht die Leistung erbringt, die sie sich vielleicht wünschen. Ich trage also die Verantwortung anderer zu meiner eigenen, das ist die Schwierigkeit. Ich würde lieber die Rolle der Oma einnehmen, wie sie beispielsweise meine Tochter gerade ausübt. Sie ist da, schenkt ihm für eine bestimmte Zeit volle Aufmerksamkeit, unternimmt mit ihm, die aufregendsten Dinge, was sie auch kann, weil sie die Besuchszeiten auf ihn abstimmt. Sie muss sich wenig mit Diskussionen auseinandersetzen oder Konflikte lösen. Sie bekommt auch nicht den Ärger des Jungen ab, denn er hat, weil er nicht in einer klassischen Familiensituation lebt oder wenn er mal keine Lust auf das Gericht hat, das ich gekocht habe, weil er wie jedes Kind halt jetzt lieber Pizza essen möchte. Doch diese Rolle kann ich derzeit nicht ausüben, weil mein Enkel das von mir fordert, was er von einer Mutter fordert. Er braucht Grenzen, er braucht Struktur und einen geregelten Alltag, den ich ihm biete. Ich mache all das nicht, weil ich gerne noch einmal in die Rolle der Mutter wollte, sondern weil ich meine Tochter unterstütze, weil es für mich keine Option war, das ein Teil unserer Familie in einer Pflegefamilie kommt oder in einer Unterbringung aufwächst. Meine Motivation dabei, ist die Liebe zu meiner Familie.

CrazyLife: Ich bin gerührt von deiner Aufopferung, die es ja irgendwo auch ist und beeindruckt von deiner Stärke, die in dir lebt. Meinen Respekt an deine Leistung. Eine Frage aber bleibt mir noch: Woher nimmst du deine Kraft und wo bleibst du?

Maren Albers: Für mich gibt es wenig Zeit, daher bin ich um jedes Zeitgeschenk dankbar, das ich erhalte. Meine Kraft? Ich denke, die war schon immer in mir enthalten und ich bin überzeugt, dass ich sie von Gott bekommen habe. Schon in der kleinen jungen Maren war dies erkennbar. Wenn ich etwas möchte, dann muss ich mein Bestes tun um es zu erreichen. Ich möchte, dass es meiner Familie gut geht und ich möchte auch für mich, am besten noch bevor ich in Rente gehe, ein erfülltes und glückliches Leben. Daher setze ich alles daran, dass es auch so passiert.

Artikel aus dem TheCrazyLife Magazin mehr auf: www.thecrazylife.de

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