Das Streben nach Perfektion (lat. Perfectio)

Lesezeit 6 -10 Minuten ❤

Das Streben nach Perfektion oder auch Vollkommenheit/Unfehlbarkeit ist schon immer ein Traum des Menschen. Sich selbst optimieren und das Beste aus sich herausholen strebt ein Großteil der Menschheit an. Was aber bedeutet es, perfekt zu sein?

Geht es um Schönheit, haben sich Wissenschaftler aller Epochen auf die Suche nach der wahren Schönheitsformel begeben. Mit Hilfe von aufwändigen Berechnungen sollen Richtlinien entstehen, nach welchen sich die Schönheit einer Person ablesen lässt. Das Ziel von Schönheitsformeln ist es Standards zu schaffen um sich vergleichen oder einstufen lassen zu können. Forscher und Ärzte wie der amerikanische Schönheitschirurg Steven Hoefflin versuchen durch Winkel, Zahlen und Formen das Rätsel um die Schönheit zu lösen. Was wirkt ansprechend, was gilt allgemein als schön?

Derartige Schönheitsformeln können in uns zweierlei auslösen. Sie können unsere Schönheit bestätigen oder uns glauben lassen, nicht attraktiv genug zu sein. Schönheitsformeln, ein Versuch Standards zu schaffen, wo keine sind.

Was bedeutet es eigentlich, perfekt zu sein und welche Auswirkungen hat das Streben nach Perfektion für den Menschen?

Der perfekte Mensch, wie würde er aussehen, wenn du ihn in deiner Vorstellung zeichnest? Wäre der Körper athletisch, kurvig, groß oder klein? Welche Sexualität besäße er und nach welcher Lebensphilosophie verhielte er sich? Wie agiert er in Konfliktsituationen und wie ist sein Erscheinungsbild? Tritt er introvertiert, also zurückhaltend auf oder ist er ein extrovertierter Draufgänger, der kein Blatt vor den Mund hält? Welches Geschlecht wird ihm zu Teil? Ist er intelligent? Was macht ein perfekter Mensch eigentlich so den ganzen Tag? Existiert er, um bewundert zu werden? … So ein Mensch, der alles kann und alles weiß, was wäre seine Aufgabe?

Stelle ich mir einen perfekten Menschen vor, sehe ich eine freundliche, aufgeschlossene Person, die reflektiert ist, seine Mitmenschen toleriert und im Einklang mit sich selbst und der Umwelt ist.

Diese Person ist sportlich und aktiv und frei von Beschwerden jeglicher Art. Der perfekte Mensch! – Zumindest für mich, ich kann mir gut vorstellen, dass deine Vorstellung vom perfekten Menschen von meiner abweicht, oder?

Perfektion bedeutet Vollendung. Etwas ist fertig, es muss nicht mehr geformt, verändert oder aufgebessert werden, denn so wie es ist, ist es zeitlos, perfekt und wunderschön.

Die perfekte Schönheit wäre daher ein vollendetes Kunstwerk. Ein Abbild gleich der David Statue, geschaffen von Michelangelo Buoanrroti. Michelangelo war in der italienischen Hochrenaissance ein künstlerisches Multitalent und beschäftigte sich unter anderem mit der Schöpfung von perfekten Werken. Seine geschaffene David-Statue fasziniert noch heute mit seinem perfekt konstruierten Körper. Für eine Statue oder ein Gemälde ist es einfach, das immer gleiche Aussehen beizubehalten und somit vollendet zu sein. Ein Mensch hingegen verändert sich sekundlich, bedeutet das nun, dass wir nicht perfekt sein können, da wir nie wirklich vollendet sind? Ist es demnach utopisch nach Perfektion zu streben?

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Ich habe im Laufe meines Lebens einen inneren Perfektionismus entwickelt, der mich glauben lässt, ständig perfekt sein zu müssen, also das Beste aus mir herauszuholen. Immer und zu jeder Zeit wollte ich die Idealvorstellung meiner Selbst verkörpern. Ich hatte geglaubt, nur akzeptiert werden zu können, wenn ich perfekt bin, also tat ich auch alles dafür. Empfand ich lange Haare als Ausdruck einer perfekten Frau, lief ich in den Afroshop und kaufte mir künstliches Haar, um mein eigenes zu verlängern. Hatte ich dann meine Traumfrisur, fühlte ich mich für eine Weile perfekt und zufrieden mit mir selbst. Aber wie alles im Leben verändern sich Meinungen und so waren die langen schwarzen Haare nach einer Zeit nicht mehr so perfekt und eine andere Frisur musste her. Und wieder investierte ich meine Zeit mit der Suche nach neuen Ideen für eine neue Frisur.

Irgendwann stellte ich fest, dass meine Vorstellung von Perfektion temporär und stimmungsabhängig ist. Ich könnte jetzt in diesem Augenblick meinen Körper mehr definieren wollen und am Abend sagen: „ Hey, ich bin doch ganz zufrieden mit mir selbst!“. Ich könnte in einem Werbeclip ein Model mit Tattoos sehen und deswegen einen Monat später selbst eines tragen. Meine Einstellung zu mir selbst ändert sich ständig.

Weil ich mich ständig verändere, befinde ich mich in einem lebenslänglichen Entwicklungsprozess, ich bin also nie ganz vollendet, oder? Bin ich also niemals perfekt? Macht dann das Streben nach Perfektion oder der perfekten Schönheit überhaupt einen Sinn?

Ich denke Perfektion ist ein Antrieb, sich selbst zu entwickeln. Die Vorstellung in der Realität einem Ideal zu entsprechen motiviert, an sich zu arbeiten, was aber nicht bedeutet, dass man in dem Augenblick der Veränderung nicht perfekt ist.

Auch wenn wir nicht wie die David-Statue immer gleich aussehen, sind wir dennoch immer vollendet. In jedem Augenblick sind wir die Summe unserer Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Eindrücke und somit eine Vollendung unseres bisherigen Lebens. Das macht uns in jedem Moment perfekt.

Das Streben nach Perfektion oder der perfekten Schönheit ist nur dann eine Motivation, wenn man erkennt, in jedem Augenblick vollendet zu sein. Nur dann ist die Idealvorstellung im Kopf ein Ziel, das man mit Freuden anstrebt. Glaubt man allerdings, wie ich vor einiger Zeit, dass Perfektion bedeutet, nicht perfekt zu sein, so ist der Perfektionismus ein Indikator für Selbstzweifel, einen geringen Selbstwert und Unzufriedenheit. Denn wer glaubt nicht perfekt zu sein, wie er ist, legt den Fokus auf seine Fehler und Makel. Ich habe jahrelang nur gesehen, was ich nicht habe oder nicht kann. Wo etwas zu viel und etwas zu wenig ist. Ich war unzufrieden mit mir selbst und habe geglaubt, dass jedem Menschen dem ich begegne, zunächst meine Makel ins Auge springen würden, weil ich so sehr davon überzeugt war nicht perfekt zu sein. Ich sah die Perfektion als Last und beneidete offengestanden auch jene die in meinen Augen perfekt waren und all das, weil ich nicht erkennen wollte, dass ich selbst perfekt war/bin. Das ist irgendwie schade, da man nie seine ganzen Talente entdeckt und feststellt, was eigentlich alles in einem steckt. Man ist den ganzen Tag nur damit beschäftigt herauszufinden, wie man seine Makel kaschieren kann, dass gar keine Zeit mehr für die Talente und Vorzüge übrig bleibt.

Ist das nicht irgendwie traurig? Das Gefühl nicht perfekt zu sein ist nicht nur für das eigene Selbstwertgefühl ein Genickbruch, es lässt auch eine gesunde Eifersucht, die als Motivator dienen kann, zu Neid heranwachsen.

Wie ich schon zuvor erwähnte, beneidete ich Frauen und Männer, die das perfekte Leben führten, das ich mir wünschte. Perfektes Aussehen, perfekte Charaktereigenschaften und einen perfekten Alltag, all das beneidete ich und fühlte mich dadurch ständig unwohl. So sehr, dass ich davon überzeugt war, dass mein Sein im Vergleich zu anderen wertlos war. Bis ich erkannte, dass der Neid und die Eifersucht vollkommen überflüssig sind. Ich bin zwar nicht perfekt wie Naomi Cambel, gleiche auch nicht Stars wie Rihanna, dafür bin ich aber die perfekte Version von mir selbst. Mein Weg wird niemals dem Weg eines anderen gleichen, meine Geschichte, wird niemals die Geschichte einer anderen Person sein. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich, weil jeder von ihnen seinen Weg geht. Selbst wenn sie im Kleinkindalter mal kurz in gegensätzliche Richtungen laufen, haben sie bereits unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, was sie wiederum voneinander unterscheidet.

Wenn ich also niemals den selben Weg gehe, wie die Person, die ich beneide, ist es dann nicht hirnrissig, das zu wollen, was ein anderer hat? Sollte ich mich nicht lieber auf mich selbst fokussieren, beginnen mich anzunehmen und meine Vorzüge nach außen zu tragen?

Ich habe begonnen, mich und meine Schönheit zu akzeptieren und in meinen Makeln sehe ich heute Besonderheiten, die mich ausmachen. Mich stören meine schwarzen Punkte im Gesicht nicht mehr, die durch Akne entstanden sind. Im Gegenteil, irgendwie wirken sie wie Sommersprossen, süß und interessant. Auch meine kleinen, durch die Schwangerschaft hängenden Brüste stören mich nicht mehr, obwohl ich mit ihnen noch bis letztes Jahr zu kämpfen hatte und jahrelang eine Brustvergrößerung in Betracht zog. Noch heute gibt es Tage, an welchen ich in den Spiegel schaue und mich frage, was zum Henker gerade mit mir los ist, weil ich kaum etwas an mir toll finde. Meine Haare stören mich, meine Lippen und einfach alles ist dann zum kotzen. Das ist auch okay und normal, solange man sich dennoch bewusst ist, dass es ein vorübergehendes Gefühl ist und man selbst in diesem Gefühlszustand perfekt ist. Zum kotzen aber perfekt, nicht wahr?

Schaust du das nächste mal in den Spiegel, dann sei nicht so streng mit dir. Du bist wunderbar, wie du bist. Um perfekt zu sein musst du nichts weiter tun, als dich selbst anzunehmen. Viel Freude dabei, dich selbst zu lieben.

Kapitel 3. aus meinem Buch „Natürliche Schönheit, weil perfekt nicht makellos bedeutet.“ Es ist ab sofort im Handel und kann entweder direkt bei mir erworben werden und dazu gibt es eine persönliche Widmung oder für ein paar Euro weniger in vielzähligen Online-Shops.

Das Buch ohne Signatur

Das Buch mit Sigantur

Viel Spaß beim Lesen :*

Peace and Love

Sahra-Latifa Warrelmann

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Ein Kommentar zu „Das Streben nach Perfektion (lat. Perfectio)

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  1. Ich zitiere da mal ein Computerspiel: „Never perfect. Perfection goal that changes. Never stops moving. Can chase. Cannot catch.“

    Und das stimmt auch. Dieses permanente Streben nach einer angeblich vorhandenen Perfektion endet in unserer Zeit in Bulimie, Selbstoptimierung mit Fitnessarmbändern und Psychatriepatienten mit Nervenzusammenbrüchen.

    Menschen sind nicht perfekt und werden es niemals sein. Maschinenteile sind perfekt. So benehmen sich manche dann auch gern.

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