Am Ende siegt die innere Schönheit

Ein Leben unter einer eifersüchtigen und narzisstischen Stiefmutter kann der wahr gewordene Albtraum für ein Kind sein. Gastautorin Schneewittchen schreibt in unserem Magazin über ihre Eindrücke während der Tyrannei ihrer Stiefmutter.

Ich war gerade mal sieben Jahre alt als mich meine Stiefmutter von einem unserer Jäger töten lassen wollte – und das weil sie glaubte, dass ich hübscher sei als sie es jemals sein wird.

Meine Stiefmutter, eine schrecklich hübsche Frau. Sie litt so sehr unter Komplexen, die sie natürlich nicht nach außen trug. So wunderhübsch sie auch war, so verbittert und innerlich kalt war sie. Ich weiß nicht warum sie sich selbst nicht akzeptieren konnte. Schließlich wurde sie von allen Frauen im Lande beneidet. Sie war die Frau, die meinen Vater heiraten durfte. Sie war die Frau mit Engelsgesicht, die sich Königin nennen durfte.

Nach dem Tod meiner Mutter hatte keiner vermutet, dass mein Vater noch einmal heiraten würde, so traurig wie er war. Meine Mutter war nicht nur seine große Liebe, sondern auch seine Stütze in allen Belangen. Sie war liebenswürdig, hatte für unser Volk immer Zeit und betrachtete niemanden jemals von oben herab. Sie aß mit den Bauern zu Mittag und hatte keine Scheu sich gemeinsam mit unseren damaligen Bediensteten, die Hände schmutzig zu machen. Sie war der Meinung, dass wir alle Menschen sind. Alles was uns unterscheidet, sind die Aufgaben die wir bewältigen müssen. Aber nur weil jemand besser zum herrschen geeignet ist, bedeutet das nicht, dass er auch besser ist. Mein Vater schätzte ihre Art und beteuerte in seinen Tagebüchern immer wieder, wie sehr er Mutters äußere aber auch innere Schönheit liebte. Ja sie strahlte förmlich.

Meine Stiefmutter mochte vielleicht einmal diese Ausstrahlung besessen haben, ich aber habe sie nie wirklich gespürt. Sie hatte zu mir schon als Kind eine Distanz aufgebaut und mich zu unseren Hausmädchen in einem Raum ganz weit über den Dächern der Stadt bringen lassen. Sie konnte und wollte mich nicht sehen. Heute glaube ich es lag daran, dass ich meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelte und sie wusste, dass sie ihr niemals ähneln könnte. Sie war zu verschlossen, es mangelte ihr an Selbst- und Nächstenliebe. Vielleicht aber lag es auch daran, dass sie selbst keine Kinder bekommen konnte und dadurch glaubte, mein Vater würde sie verlassen. Ja, vielleicht hat gerade das sie verängstigt und verunsichert. Vielleicht hat sie deswegen, mich nicht ansehen können, weil ich sie an Ihre Unfähigkeit erinnerte. Mein Vater hätte sie sicherlich nicht verlassen. Er liebte sie, auch wenn sie es ihm nicht glaubte. Sie unterstellte ihm ständig untreue, warf eine Frau nach den anderen in den Kerker. Angeblich wegen Hochverrats oder sonstige Belangen, die ich allerdings bis heute bezweifle. Meiner Meinung nach war es ihre Eifersucht, die sich zu diesem Handeln trieb. Wie auch der Tod meines Vaters. Es war schrecklich. Er wurde brutal getötet. Ich bekomme noch heute Gänsehaut wenn ich daran denke. Auch wenn niemals ihre Schuld bewiesen wurde, bin ich sicher, dass meine Stiefmutter daran beteiligt war. Sie hatte ihm nie geglaubt, ständig gab es Streit. So viele Male drohte sie ihm an, ihn zu töten, wenn sie ihn mit einer andern Frau sehe. Wer weiß, auf welche wahnhaften Gedanken, sie gekommen ist. Aber nun denn, das ist Geschichte und nicht mehr zu beweisen schließlich sind beide mittlerweile tot.

Meine Kindheit war kein wirkliches Zuckerschlecken, auch wenn man das als Prinzessin eines Königreichs, das mehrere Länder umfasst vermuten könnte. Nach dem Tod meines Vaters blieb mir einzig und allein meine Stiefmutter, wenn man sie überhaupt als Mutter bezeichnen könnte. Ich glaube das Leben mit ihr wäre nicht all zu schlimm geworden, hätte ihr Wahn nicht voll und ganz in krankhafte Züge angenommen. Im Schloss gab es einen Raum, den keiner außer sie betreten durfte. Absolut keiner. Ein Bauers Junge hatte sich einmal versehentlich in den Raum gewagt, weil er sich verirrt hatte. Ohne Erbarmen hat sie ihn Vier teilen lassen. Alle mussten als Mahnmal zusehen. Dabei war der Junge gerade einmal sieben Jahre alt. Ich hatte nie verstanden was sie darin suchte oder sich darin verbarg. Sie verbrachte darin oft Stunden. Manchmal wenn ich nicht schlafen konnte und es im ganzen Schloss totenstill war, lief ich in den Gängen umher. Ging ich an dem verbotenen Raum vorbei, konnte ich sie irgendetwas von Schönheit murmeln hören. Hin und wieder fluchte sie und ein paar Stunden später landete eine Frau oder junges Mädchen meist wunderschön auf dem Scheiterhaufen oder wurde auf andere Weise brutal getötet. Die Männer wurden allesamt verschont, sodass schnell unter unserm Volk Gerüchte von böser Magie und teuflischen Ritualen aufkamen. Familien trauten sich nicht mehr Mädchen zur Welt, zu bringen und ließen ihre Töchter meist nach der Geburt töten, um plötzliche Hinrichtungen zu vermeiden. Die Männer, die nicht bereits Frauen an den Scheiterhaufen verloren hatten und deshalb todtraurig waren, zogen in andere Königreiche um dort ihre Liebe finden zu können. Da sich die Bevölkerung schmälerte, wurden die Ressourcen knapper, den es gab keine Arbeiter mehr, die das ganze Reich verwalteten und ohne Ressourcen gab es weder schöne Kleider, Make-Up noch teures Parfüm für meine edle Königs Stiefmutter. Dass, das ihr nicht passte spürte das Volk recht schnell, denn sie lies Mauern rund um unsere Länder errichten, positionierte Soldaten an den Grenzen, die den Befehl trugen, jeden zu töten, der das Königreich verlassen wollte. Mit Ausnahme von Händlern, Booten oder sonstigen Partnern.

Ich habe diese Schreckensherrschaft glücklicherweise nie erlebt, denn bereits Jahre zu vor wurde ich von unserem Jäger im Wald ausgesetzt. Eigentlich sollte er mich töten. Doch er war ein Freund meiner Eltern. Als er in meine Augen sah, brachte er es einfach nicht übers Herz. Also rannte ich tief in den Wald. Natürlich hatte ich bitterlich Angst. Ich war gerade mal sieben. Als die Nacht einbrach, stürzte ich und wachte am nächsten Tag in einem kleinen Häuschen mit Inventar, dass so groß war, wie ich auch, auf. Kleinwüchsige Menschen aller Länder, die ausgesetzt wurden, weil sie auf die Bevölkerung seltsam wirkten hatten mich gefunden. Sie nannten sich selbst Zwerge und arbeiteten in Mienen. Ein Glück für sie, denn dort gruben sie Edelsteine, Gold und andere Wertmetalle ohne Ende aus. Das machte sie reich und so konnten sie ihr kleines, geräumiges Häuschen versteckt im Wald errichten. Sieben waren es insgesamt. Sie zogen mich auf und halfen mir zu vergessen, nicht nur das sie retteten mein Leben. Ich konnte in ihrer Bibliothek das Lesen lernen und von wilden Abenteuer erfahren. Ich lernte Sprachen und verbrachte so viel Zeit wie möglich in der Natur, sodass ich nach ein paar Jahren, fast jedes Tier benennen konnte und irgendwie auch ihre Sprache verstand. Es war eine befreiende, ja sogar belebende Zeit, die ich schätze und wovon ich heute profitiere.

Dieses Glück war kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag zu Ende. Drei verschiedene Frauen, die sich später als eine und meine Stiefmutter entpuppten, wickelten mich in ein Gespräch ein. Das erste Mal wurde mir ein vergiftetes Riemen geschenkt und angelegt, das zweite Mal war es ein in Gift getränkter Kamm der mein Haar und somit meine ganze Blutbahn vergiftete. Wodurch ich jedes Mal kurz vor dem Tode stand. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre an dem Gift gestorben, das meine Kehle zuschnürte, jedes meiner Muskeln zum Zucken brachte und mich fühlen lies, als würde ich lebendig skalpiert werden. Jedes Mal fand mich Grindel, der Zwerg der aus einer Ärzte-Familie stammte und mehr Wissen besaß, als ich es jemals erlangen konnte. Er wusste schnell anhand meiner Symptome welches Gift mir verabreicht wurde und gab mir das Gegengift. Es dauerte Wochen bis ich mich von den Qualen erholte. Traumatisiert von den Frauen/meiner Stiefmutter zog ich mich ins Haus zurück. Ich wollte niemanden mehr sehen und traute keinem Menschen mehr, der über 140 cm groß war. Bis eines Tages eine alte Frau, die sich ebenfalls als meine Stiefmutter in Verkleidung entpuppte, wie wild an unserer Tür klopfte und bitterlich um Hilfe schrie. Ich konnte keinem Hilfeschrei aus dem Weg gehen also sah ich aus dem Fenster nach was geschehen war. Vor unserer Tür lag eine ältere Dame gestürzt und mit Blut übersehen. Meine Stiefmutter hatte sich absichtlich nicht nur das Bein gebrochen, sondern einen Knochen herausschauen lassen, damit ich ihr vertraute. Sie erzählte mir eine Geschichte von einem wilden Tier, das sie verfolgt hatte, während sie versucht aus meiner alten Heimat zu fliehen, wegen der schrecklichen Missstände. Natürlich hatte ich sofort Mitleid mit ihr und fühlte mich an meine Vergangenheit erinnert. Ich konnte nicht anders als sie ins Haus zu bitten und sie zu versorgen. Als Dank meiner Hilfe, schenkte sie mir einen Apfel aus ihrem Rucksack, den sie, wie sie sagte als Proviant bei sich trug. Ich wollte ihn zunächst nicht annehmen, weil ihren letzten Apfel nicht essen wollte. Doch sie bestand darauf und schlug vor ihn mit mir zu teilen. Also aß ich eine Hälfte und sie die andere. Als ich bei meinem letzten Biss angekommen war, veränderte sich ihr Blick und das wusste ich wer sie war und das ich mit dem Apfel den Tod zu mir genommen hatte. Es dauerte ein paar Sekunden und das letzte was ich spürte war wie mein Kopf auf den Boden aufprallte.

Dieses Mal wusste keiner meiner Ziehonkels, wie ich die Zwerge nannte, was mit mit geschehen war auch all die anderen, die sie Befragten, konnten sich keinen Reim daraus machen. Sie glaubten ich sei tot, auch wenn etwas ihnen sagte das ich es nicht bin, zumal mein Körper nicht verweste, selbst nach Wochen nicht. Also packten sie mich in einen gläsernen Sarg und bewachten ihn rund um die Uhr, in der Hoffnung ich würde irgendwann erwachen. Zwei Jahre vergingen und ich war immer noch totschlafend. Bis mein heutiger Mann vorbeikam. Er hatte sich mit zwei seiner Botschafter auf den Weg gemacht um unbekannte Gebiete zu erforschen und ist bei unserer kleinen Hütte vorbei gekommen. Als er den Sarg und mich sah, konnte er nicht anders als stehen zu bleiben. Er hatte einen solchen Sarg schon einmal gesehen, aber das war Jahre her. In seinem Königreich hatten okkultistische Gruppen mit Giften hantiert und dabei ein Gift gebraut, dass ihre Gegner in einen toten Schlaf versetzte. Somit wollten sie die verfeindeten Familien abschrecken und leiden lassen indem sie auf ewig um ihre Liebenden trauern mussten, sie aber niemals ganz in die Ewige Ruhe entlassen konnten. Der Tote war auf ewig verdammt in einer Zwischenwelt zu leben, ähnlich eines ewig andauernden Traumes. Auch ich durfte und musste ewig träumen und glaubt mir liebe Leser, das ist lange nicht so grandios wie es scheinen mag. Es ist ein Fluch, nicht mehr aufwachen zu können.

Als mich mein Mann näher ansah, war ihm sofort klar wie er mich heilen konnte, denn die Wissenschaftler seines Vaters hatten jahrelang an einem Heilmittel gearbeitet und das erfolgreich. Ein Bote machte sich auf dem Weg und nach drei Tagen war das Heilmittel bei meinen Onkeln eingetroffen. Natürlich war mein Mann keinen Schritt von meinem Sarg gewichen. Zwei Tage nachdem sie mir das Heilmittel verabreicht hatten, erwachte ich und man, war ich froh, den gerade wollte mich ein Dinosaurier lebendig fressen.

Zu meinem Schutz wurde ich in das Königreich meines heutigen Mannes gebracht und rappelte mich ein paar Monate lang auf. Anders als in den Geschichten und Märchen die über mich geschrieben wurden, heiratete ich nicht bereits kurz nach meiner Wiedererweckung sondern erst zwei Jahre später. Auch den Tod meiner Stiefmutter hatten weder ich noch mein Mann veranlasst. Sie starb aus eigener Hand. Einer unserer Boten war mit einer kleinen Armee von Soldaten auf den Weg zu meinem alten zu Hause um meine Stiefmutter in Haft zu nehmen. Sie sollte vor Gericht gestellt werden. Was er dort fand, musste ich mit eigenen Augen sehen, um es zu glauben. Die Mauern vor den Grenzen waren nicht mehr bewacht worden, die Menschen ausgehungert und am Boden kauernd. Überall waren Scheiterhaufen, Folterbänke und Blutleichen zu sehen, selbst welche die schon seit Monaten vertrocknet waren. Der Königshof sah aus wie eine riesengroße Schlachterei, alles mit Blut und Leichen übersehen. Flugblätter zeugten von den Gräueltaten meiner einstigen Stiefmutter. Sie hatte Männer und Frauen ausbluten lassen, in dem Blut zu baden oder es zu trinken. Sie wollte um jeden Preis jung und schön bleiben. Ganz gleich was es kostete. Und der Raum, der Raum der niemand betreten durfte, entsprach ihrer Seele voll und ganz. Die Wände waren bemalt mit Fragen wie: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Darunter fand man meist in roter Schrift: ICH! ICH BIN und bleibe die Schönste! Notizen stapelten sich wo sie sich Frauen mit ihren Namen notiert hatte, die sie für hübscher empfunden hatte. Sie schrieb auf, was sie schöner machte und was ihr den Grund gab sie allesamt zu töten. Auf einen riesengroßen Spiegel hatte sie ein Gesicht aufgemalt und Fett geschrieben, dass sie niemals so schön sein wird wie Schneewittchen! Daneben war ein Bild von mir und meiner Mutter, dass sie ebenso beschriftete mit den Worten, töte alle! Nicht nur die Mütter sondern auch die Töchter, denn sie werden alle schöner sein! In einer Badewanne fand man sie, komplett zerschnitten und in ihrem eigen Blut. Sie hatte wohl ihr eigenes Antlitz nicht mehr ertragen. Der Wahn hatte sie vollkommen eingenommen.

Heute ist von alledem nicht mehr zu sehen. Mein Mann und ich zogen in mein altes Schloss. Zum Glück hatten meine sieben Zwerge ein Teil ihres Vermögens mir zur Hochzeit geschenkt. So konnten wir den Neuanfang finanzieren und mein altes zu Hause neu aufblühen lassen. Mein Mann und ich herrschen wie meine Eltern es vor meiner Geburt taten. Mit Liebe, Respekt und Verantwortung. Natürlich haben wir eine schwere Aufgabe angenommen, da unser Volk schwer traumatisiert ist, doch sie sehen in mir etwas, dass sie bei meiner Stiefmutter schwer vermisst haben, die innere Schönheit, die nach außen strahlt.

Liebe Grüße und eine schöne Zeit ❤

Sahra-Latifa Warrelmann

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