Gentrifizierung – die Vertreibung der Armen

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Ein Bekannter bat mich darum, mir das Thema Gentrifizierung genau anzuschauen und eventuell darüber zu schreiben. Beim Recherchieren wurde mir schnell bewusst, dass der Überbegriff Gentrifizierung eine Menge an sehr großen Themen beinhaltet.
Bei meiner Recherche dachte ich mir die ganze Zeit, dass für das was gerade passiert der Begriff Gentrifizierung nicht ganz passend ist. Auch wenn ich weiß, dass es sich hierbei um ein Überbegriff handelt. Aber zu meiner persönlichen Meinung am Schluss mehr. Erst mal kommen wir zu den FAKTEN … jup … ja …
Da das Thema und die einzelnen Unterthemen enorm groß, und wie ich finde, komplex sind*,schneide ich die Fakten nur kurz an. Damit man zumindest weiß, worum es eigentlich geht. Wer möchte, schaut sich einfach die Links an 🙂

* Aus meiner Sicht geht es um mehr, als nur eine Entwicklung der Städte oder Dörfer. Es geht um mehr, als nur irgendwelche Künstler und Hippies. Es geht um mehr als um irgendwelche Investoren und Hippster die auch noch ein bisschen narzisstisch sind und glauben, dass sie mit ihrem Geld sich alles erlauben können … Alles ist so verzwickt, wobei man doch einfach über das Thema Gentrifizierung folgende Überschrift legen sollte: »Der Kampf gegen Arm!«

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Was ist Gentrifizierung?
Kurz gesagt: Eine »niedere« Gesellschaft wird durch einer »Höhere« ausgetauscht. Zum Beispiel: Ein Viertel, welches von einfachen Arbeitern bewohnt ist, wird nach und nach von Menschen mit einem höheren Einkommen bezogen. Die günstigen Grundstück- und Immobilienpreise geben den neuen Bewohnern die Möglichkeit ihre Umgebung so zu gestalten, wie sie es gerne hätten. Die Veränderung durch relativ wohlhabende Mieter oder Käufer wird meist für alteingesessene nicht mehr tragbar. Höhere Mieten, Verkauf oder Vermietung an gewünschte Klientel führen zu Abwanderung der alten und ärmeren Bevölkerung.

Was bedeutet Urbanisierung?
Urbanisierung bedeutet, die Einwanderung vom Dorf in die Stadt. Das Angebot an Arbeitsplätzen, Bildung, Einkaufsmöglichkeiten, Kultur u.v.m. ist in der Stadt hoch.So ist es nur logisch, dass vor allem junge Leute die Dörfer oder Kleinstädte verlassen, um in der großen Stadt zu wohnen. Der Zuzug in die Stadt verursacht eine permanente Erweiterung und suche nach Grundstücken für Wohnungen, Firmen, Bürogebäude. Straßen und öffentliche Verkehrsmittel müssen ausgebaut werden. Die steigende Zahl der Menschen in der Stadt kommt es zu einer höheren Umweltbelastung. Aufgrund der wenig kinderfreundlichen Umgebung in der Stadt sinkt die Geburtenrate.
Was ist die Folge der Gentrifizierung?
Wie bei allem gibt es auch hier positive und negative Folgen.

Positiv:
– Durch das Kapital der neuen Bewohner wird das Stadtbild/das Viertel/das Dorf modernisiert.
– weniger Schmutz und Kriminalität in den Orten
– neue Arbeitsplätze können geschaffen werden
– kindfreundliche Umgebungen entstehen
– mehr Kultur und Bildung
– mehr Tourismus
– mehr Geld für die Städte/Dörfer etc.

Negativ:
– Menschen verlieren Ihr Zuhause und/oder ihre Heimat
– Wenig bis gar keine Mitbestimmung der ärmeren Bevölkerung
– Spaltung der Gesellschaft
– Hohe Mieten/hohe Kaufpreise

(Es erscheint als wäre vieles positiv. Es ist auch viel Gutes dabei. Es ist nur unter aller Sau, wie mit den Menschen umgegangen wird, die vertrieben werden. Nichts gegen Erneuerungen, Abschwächung der Kriminalität und Verwahrlosung … Doch nicht so! Ich würde auch keinen töten, der gerade laut Musik hört nur, damit ein anderer in Ruhe lesen kann… ich weiß das Beispiel ist übertrieben… )
Bei meinen Recherchen fragte ich mich ständig, was wohl mit den Menschen passiert, die ihre Wohnungen verlassen müssen? Warum möchte man in den modernisierten Vierteln oder Neubaugebieten nur selten ausländische Mieter oder Käufer? Was passiert eigentlich mit den Dörfern, wenn alle in die Stadt wandern?
Warum wird die Enteignung des Wohnraums gefördert bzw. geduldet? Warum besitzt jemand mit mehr Geld mehr Rechte? Was macht einen Reichen zu einem besseren Menschen? Was bedeutet das für die arme Bevölkerung? Wo stehen Personen wie ich. Einfache, gerade noch so mittelständige Leute. Welche Rechte besitzen wir?
Man schimpft darüber, dass so manche Orte heruntergekommen, kriminell, dreckig u.v.m. sind. Modernisierung und Sanierung helfen, das Symptom zu beseitigen. Doch durch die Vertreibung der Menschen lösen sich die Probleme doch nicht?! Im Gegenteil.

Eine kleine Geschichte, die meine Haltung zu diesem Thema zeigt: (die Geschichte ist frei erfunden. Natürlich auf Fakten basiert)

Ich lebe in einem weniger schicken Stadtteil. Nennen wir es Kreisberg. Die Wände sind verschmiert, hin und wieder gibt es Schlägereien oder Polizeieinsätze vor der Tür. Meine Nachbarschaft ist ziemlich bunt und eher ärmer. Müll liegt auf den Boden. Jugendliche randalieren in den Parks und Spielplätzen. Kulturelle Angebote und Freizeitangebote sind kaum vorhanden oder zu teuer. Trotz der ganzen Probleme gefällt es mir in meinem Viertel. Ich kenne die Menschen. Es macht Spaß abends in dem kleinen Café zu sitzen. Okay, ein richtiges Café ist es nicht. Eigentlich nur eine heruntergekommene Wohnung. Jeder ist willkommen. Die Freiheiten sind groß. Weshalb sich hier alle wohlfühlen. Doch der Kiez ist nicht mehr derselbe. Vor ein paar Monaten wurden 2 Gebäude eine Straße weiter saniert. Die neuen Mieter bzw. Eigentümer sprechen eigentlich nur noch davon wie sie das Viertel verändern können. Irgendwie finde ich es ja toll. Es ist nur schade, dass ich dazu wenig sagen darf.
1 Jahr später.
Es ist kaum noch etwas von meinem Kreisberg übrig. Viele meiner Freunde, Familie und Bekannte sind bereits in die umliegenden Dörfer gezogen. Die Mieten lassen sich kaum noch bezahlen. Die Vermieter drängen auf Eigenbedarf, lassen die Gebäude verkommen oder modernisieren die Objekte. Meist mit dem Ziel die alten Mieter zu verdrängen. »Geld regiert die Welt!«, denke ich! Hin und wieder sehe ich während ich durch mein Viertel laufe, verzweifelte Menschen. Ich spreche mit einer ehemaligen Nachbarin. Sie wurde gerade auf die Straße befördert. Der Vermieter hatte ihr vor 4 Monaten gekündigt, weil sie die steigende Miete nicht mehr bezahlen konnte. Natürlich suchte sich jeden Tag nach einer neuen Wohnung. Doch vergeblich. Nun bleibt ihr nichts anderes übrig als in eine Obdachlosenunterkunft zu ziehen oder bei Freunden, Bekannten oder Familie unterkommen. Ich frage mich, wann es mich treffen wird. Natürlich gefällt mir der Wandel. Es ist freundlicher in unserer Gegend geworden. Es macht noch mehr Spaß hier zu leben. Zumindest solange, ich den passenden Geldbeutel dafür habe. Ist es allen egal, was mit uns Menschen hier passiert? Ich treffe eine langjährige Freundin. Sie lebte bis vor zwei Monaten ebenfalls in Kreisberg. Sie ist wie ich Studentin und jobbt nebenbei. Für sie ist das Wohnen in Kreisberg zum Luxus geworden. Ist ja auch kein Wunder bei einem Mietpreis von 460€ warm für eine 1-Zimmerwohnung. Zum Glück geht es mir durch das duale Studium und die Unterstützung meiner Familie finanziell gut. Natürlich lebe ich nicht im Luxus aber verzichten muss ich selten. Um zu meiner Freundin zurück zukommen. Sie lebt mittlerweile in Altersbach. Altersbach ist ein Dorf. Über eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Innenstadt entfernt. Das ist nicht ganz praktisch aber dafür, sind die Wohnungen dort sehr billig. Viele, die einst in Kreisberg wohnten, wohnen jetzt im schon fast ausgestorbenen Altersbach. Nun steigt dort die Kriminalität, die Verschmutzung und Verwahrlosung. Einige verloren sogar ihren Arbeitsplatz durch den Umzug, da sie sich die Anfahrtskosten einfach nicht mehr leisten konnten. Die Politik interessiert sich wenig für diese Menschen. Den Bewohnern in Altersbach bleibt nichts anderes übrig sich dort, ihre eigene Struktur aufzubauen. Mit wenigen wirtschaftlichen Ressourcen ist es natürlich schwierig, Präventionsmaßnahmen gegen die Probleme zu entwickeln. Die Stadt bzw. Politik fördert kaum bis gar keine wirksamen Maßnahmen.
Meine Freundin ist verärgert.

»Mir bleibt nichts anderes übrig, als das hinzunehmen. Wenn wir uns äußern, wissen wir genau, dass sie uns nicht ernst nehmen. Denn wer sind wir schon? Nur die kleinen Leute, die man von einer Seite auf die andere schieben kann. Wie man es gerade braucht! Keiner bekämpft die Ursache. Die Symptome werden behandelt, als hätte man alles verändert. Doch es ist nichts anders. Es ist alles gleich. Bis auf die Tatsache, dass wir unzufriedener werden. Es kümmert kaum einen, dass eben nicht alle reich sein können. Eben nicht jeder ist in der Lage reich zu werden. Wir verlieren unsere Heimat, damit irgendein Investor alle 2 Jahre seine Wohnung verkaufen kann, um Profit daraus zu schlagen. Wir müssen uns mit mehreren Menschen die kleinsten Räume teilen, damit wir überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Während aus unser alten Wohnung ein 200 qm Loft gebaut wird, das von eins bis 2 Studenten bewohnt wird. Wir sind nur, die Ausländer, die Harzvierer, die Asozialen, die Dealer, die Drogensüchtigen, die Alkoholiker und die Kriminellen. Hat sich denn keiner gefragt, warum wir so sind? Warum wir kriminell sind? Weil wir keine andere Möglichkeit haben. Wenn ich eine Familie zu ernähren habe und mir alle Hände gebunden sind, ich alles unternehme, aber keinen Job finde, dann muss ich, auch wenn ich es nicht möchte, einen anderen Weg finden. Es fehlt an sozialem Wohnbau. Dafür wird viel zu wenig getan. Überall sehe ich Eigentumswohnungen entstehen. Doch für Menschen wie mich oder unseren Nachbarn heißt es, das nehmen, was man bekommt. Wie die Hühner die auf das Futter warten. Die sich mit anderen eine bestimmte Menge teilen müssen. Wenn es nichts mehr gibt. Gibt es eben nichts mehr. Es geht nicht um Gentrifizierung. Es geht darum das man systematisch versucht wirtschaftlich schwache Menschen zu verdrängen. Ihnen klar zu machen, dass sich in Wirklichkeit nichts verändert hat. Die Reichen beuten noch heute die Armen aus. Es ist egal, was du kannst, was du erlebt hast und was deine Geschichte ist. Keiner interessiert sich für den Menschen. Wie es einem geht. Viele von uns sind psychisch stark angekratzt. Bei dem ganzen Stress ist es auch gar nicht anders möglich!Es zählt nur das, was du auf dem Konto hast, welchen Namen du trägst und wo du herkommst. Das hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert, und wie´s aussieht, wird das so schnell auch nicht anders!«

Klar eine Stadt oder eine Gesellschaft verändert sich. Alles was lebt verändert sich. Das ist natürlich. Ist es fair das nur ein kleiner Teil von der Veränderung profitiert?
Was denkst du über den Wandel? Bist du eher angetan oder siehst du es als Gefahr?

Noch eine kleine Anmerkung 🙂
Irgendwie ist es total interessant, dass dieses Thema kaum noch öffentlich behandelt wird. Zuletzt wurde das Thema Sozialbauten oder Wohnräume richtig 2013 behandelt. Vor den Wahlen sprach jeder darüber. Es wurde demonstriert und viel darüber berichtet. Jetzt läuft das Ganze hauptsächlich im Verborgenen ab. In den Medien war zunächst permanent von Griechenland die Rede. Nun ist Griechenland zumindest in den Medien tot und vor Ort sieht es auch nicht besser aus. Doch eine positive Nachricht gibt es seit circa 1 1/2 Jahren für Griechenland. Es zählt nicht mehr zu den Top-Themen. Denn heute werden wir von Terror, Flüchtlingen, Gewalt und angst von den eigentlichen Problemen abgelenkt. Bis wir es am eigenen Leib spüren, vergessen wir, dass es noch andere Themen auf der Welt gibt.

Vielen Dank fürs Lesen, Teilen und Liken 🙂 Natürlich freue ich mich total auf die Kommentare!

 

Was dich auch interessieren könnte 🙂

Terror in Europa…
Quellen und Links zu empfehlen:

Youtube

https://www.youtube.com/watch?v=z3KjYGfUJSg
https://www.youtube.com/watch?v=dKkpsZSaPmY (Super Video echt zu empfehlen!)
https://www.youtube.com/watch?v=3wi43igJ8xc
https://www.youtube.com/watch?v=R3B83eu9JoI

Im Netz zum Lesen 🙂

http://gentrificationblog.wordpress.com/
http://www.tagesspiegel.de/berlin/gentrifizierung-in-berlin-hip-hipper-neukoelln/9152496.html
http://www.morgenpost.de/themen/gentrifizierung-berlin/
https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung
http://www.e-hausaufgaben.de/Referate/D10499-Referat-Geographie-Gentrification.php
http://www.difu.de/publikationen/difu-berichte-42011/was-ist-eigentlich-gentrifizierung.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Urbanisierung

http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.onesolutionrevolution.de%2Fwp-content%2Fuploads%2F2013%2F04%2Fgentrifizierung6.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.onesolutionrevolution.de%2Fallgemein%2Funsoziales-berlin-mieten-rauf-mieter-raus%2F&h=364&w=470&tbnid=YwBheHHY1l2k_M%3A&docid=xVpFL7lWmWGhQM&ei=WNwgV4aJOYT06AT71IVg&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1424&page=2&start=12&ndsp=21&ved=0ahUKEwiGlfDRkq_MAhUEOpoKHXtqAQwQMwhfKBQwFA&bih=667&biw=1366

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Ein Gedanke zu “Gentrifizierung – die Vertreibung der Armen

  1. Taucht immer mal wieder in den Medien auf. Unser ehemaliges Wohnviertel wurde noch zu unseren Zeiten langsam aufgepeppt und mit pervers hohen m²-Preisen ausgestattet. Das lockt eben die gewünschte Klientel an und es funktioniert. Auf der anderen Seite wird so ein „natürlich“ gewachsenes Viertel an seiner eigentlichen Entwicklung gehindert.

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